Kommentar: Die Ereignisse in Chemnitz

Journalisten werden auf offener Straße bedrängt, ausländisch aussehende Menschen durch die Stadt gejagt, Männer zeigen den Hitlergruß vor laufenden Fernsehkameras.
Was klingt wie eine Beschreibung der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen vor 26 Jahren, und damit für Menschen wie mich wie etwas längst Vergangenes von vor meiner Zeit, ist letzte Woche geschehen, und ein großes Problem.
Hunderte Neonazis, Hooligans und gewaltbereite Einwohner der Stadt Chemnitz wollten auf offener Straße ihre Aggressionen entladen, sie wirkten dabei fast schon erlebnishungrig.
Das große Problem ist, das es so weit kommen konnte. Im Land des verbrecherischen NS-Staats wird die Bedrohung durch rechte Gewalt und organisierten Rechtsextremismus schon lange unterschätzt. Sie wird bis heute verharmlost, falsch eingeschätzt und fast schon akzeptiert.
Doch Ereignisse wie in Heidenau, Freital, Clausnitz und eben jetzt Chemnitz zeigen wie gut organisiert die rechte Subkultur in Sachsen mittlerweile ist. Anders ist die schnelle Organisation des Aufmarschs vom 27. August nicht zu erklären. Die Polizei in Sachsen weiß von diesen Strukturen und wusste auch von der Mobilmachung. Trotzdem waren am Montag viel zu wenig Beamte vor Ort um Ausschreitungen gegenüber Journalisten, Migranten und Andersdenkenden zu verhindern.
Politik und Polizei nehmen die Bedrohung einfach nicht ernst genug. Das zeigt sich auch an der Diskussion, die im Nachhinein stattfindet. Sowohl die Landesregierung Sachsens als auch das deutsche Innenministerium sind nicht in der Lage, die Nazis, die in Chemnitz auf der Straße standen auch als Nazis zu bezeichnen. Stattdessen spricht man von „rechten Chaoten“ und verweist roboterartig darauf, dass es ja auch linke Aggressoren gegeben hätte. Doch diese neuen Rechten bekämpfen seit Jahrzehnten politisch Andersdenkende, Menschen mit Hautfarbe oder Muslime. Sie feiern die Verbrechen der deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg, zeigen den Hitlergruß und verehren Adolf Hitler. Und genau so jemand ist ein Nazi und muss auch so genannt werden. Denn auch das würde das Signal geben, das die Gefahr von rechts ernst genommen wird. Sie richtet sich nämlich gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Würde des Menschen. Das höchste Gut, das Politik und Polizei schützen sollten.
Die Ereignisse von Chemnitz müssen eine Warnung sein. Sie zeigen die große Gefahr, wenn sich Aufmärsche wie jetzt der in Chemnitz mit den Protesten der Abgehängten und Enttäuschten á la Pegida verbinden. Letztere sind nämlich keine Rechtsradikale, doch sie identifizieren sich mit rechtem und fremdenfeindlichen Gedankengut. Das ist alarmierend. Denn wer sich in der deutschen Geschichte auskennt der weiß, dass auch das dritte Reich mit kleinen organisierten Mobs auf der Straße angefangen hat, die von vielen unterschätzt wurden.