Radikalisierung im selbstgebastelten Islam

Ein selbst gebastelter Islam in einer WhatsApp-Gruppe hat junge Menschen systematisch radikalisiert. Eine Forschungsgruppe der Universitäten Osnabrück und Bielefeld hat das vollständige Chatprotokoll einer djihadistischen Gruppe analysiert. Das Protokoll enthält fast 6000 Chatnachrichten von zeitweilig bis zu zwölf Gruppenmitgliedern.
Die Chatnachrichten geben Einblick in Informationen zu einer Vielzahl von Aspekten, die für die Radikalisierung wichtig sind: Die Gruppenstrukturen, ihre Hierarchie, die Dynamik und der Druck der Gruppe auf ihre Mitglieder. Auffallend bei der Analyse war, dass die Gruppenmitglieder offenkundig nur geringe oder gar keine Islamkenntnisse verfügen. Selbst die Gestaltung einfachster ritueller Alltagshandlungen ist Teilen der Gruppenmitglieder nicht bekannt.
Nach Aussage der Forschenden, haben zentrale Figuren in der Gruppe geschickt eine Copy-und-Paste-Ideologie aus Koranversen und Botschaften djihadistischer Führer zusammengeschnitten. Dabei ging es vor allem um die Gewaltorientierung.
Die durchorganisierte Radikalisierung der Gruppe sollte vor dem Hintergrund einer kritischen Jugendphase verstanden werden, so das Forschungsteam. Die Jugend ist eine wichtige Phase des Übergangs zum Erwachsensein. Was die Gruppe vereint, sei vor allem die naive und romantisierende Vorstellung gemeinsam im Kampf auf den Schlachtfeldern des Djihad zum Mann zu werden.
Die Studie war eine der ersten empirischen Untersuchungen zur djihadistischen Jugendszene in Deutschland.