Kommentar – Achtsamkeit am Arbeitsplatz

Redaktion: Conor Körber

Zwei der beliebtesten Neujahresvorsätze waren für 2018: Weniger Stress und mehr Geld. Das klingt erstmal paradox, ist aber bezeichnend für unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt, findet zumindest Hertz 87.9 Redakteur Conor Körber:

Für die Karriere und den damit verbundenen sozialen Stand wird geschuftet bis im wahrsten Sinne des Wortes der Arzt kommt. Entsprechend ist die Anzahl an Arbeitsunfähigkeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen um ganze 80% in den letzten 15 Jahren gestiegen. Das ist auf Dauer natürlich auch nicht so ökonomisch, haben sich einige Großunternehmen gedacht und kommen jetzt mit einem neuen Trend um die Ecke: Achtsamkeit am Arbeitsplatz! In den USA wird beispielsweise bei Google oder Twitter die Entschleunigung der Mitarbeiter verordnet. Da gibt es dann extra eingerichtete Meditationsräume im Bürokomplex oder auch Achtsamkeitstrainings wie zum Beispiel das “Mindful Lunch“ bei Google: Ein 45 Minütiges Essen, bei dem Unterhaltungen streng untersagt sind, damit die Mitarbeiter sich vollkommen auf das Essen konzentrieren können.

Immerhin ein Arbeitgeber, der überhaupt etwas für seine Angestellten tut, könnte man sagen. Generell geben sich gerade junge Unternehmen aus der IT- oder Onlinebranche gerne einen menschenfreundlichen, modernen Anstrich. So schreibt Google zum Beispiel in seiner Selbstbeschreibung: „Wir wollen das unsere Mitarbeiter glücklich und gesund sowohl innerhalb als auch außerhalb der Arbeit sind“. Nur, dass halt manche davon sehr viel und die anderen nicht so viel verdienen und die Arbeitsbedingungen auch eher so durchschnittlich sind. Aber hey! Es heißt ja auch weiter im Text, dass jeder Mensch andere Bedürfnisse hat und außerdem gibt’s jetzt auch noch Achtsamkeitstrainings, damit man eben nicht in der Klapse landet, sondern immer noch entspannt genug ist weiter zu schuften.

Man könnte argumentieren, dass bessere Vergütung und kürzere Arbeitszeiten ja vielleicht auch den Weg zur inneren Mitte ebnen könnten, aber das ist in einem System, dass auf ständiges Wachstum setzt natürlich eine Illusion. Apropos Wachstum: der nicht zuletzt durch unsere Arbeitswelt entstandene Wunsch nach Entspannung und Ruhe lässt sich natürlich auch noch vermarkten! Wie wäre es zum Beispiel mit einer App die einen auf Achtsamkeit hin trainiert? Die App „Headspace“ lehrt einen tolle Atemübungen, die den Kopf frei machen sollen und einen dazu bringen die Umwelt wieder bewusster wahrzunehmen. Kostenpunkt für unbegrenzten Zugang: nur 400€. …Dann vielleicht doch lieber Tinder oder noch revolutionärer: Ganz achtsam der Welt begegnen indem man das Smartphone einfach mal abstellt… aber das wäre ja absurd und überhaupt nachher verpasst man noch eine wichtige Arbeitsmail…