„Jetzt binden wir um den ganzen Hass eine wunderschöne Schleife“

Moderation: Conor Körber Philip Strunk

Nach Jahren im tiefen Underground, sind die Rapper Audio88 und Yassin mittlerweile in den Deutschen Charts angekommen. Ihre Musik mag zugänglicher und ihre Texte Hip Hop-kompatibler geworden sein, ihre Haltung ist aber nach wie vor deutlich. Am 17.12.2016 waren sie im Rahmen des Zurück Zuhause Festivals in Bielefeld auf der Bühne. Nach ihrem Auftritt haben Conor Körber und Philip Strunk sie plus DJ Breaque zum Interview getroffen.

Hier das Interview zun anhören:

Hertz 87.9: Ihr habt euren Auftritt jetzt hinter euch, habt den Auftakt gemacht. Wie war es für euch vor diesem Casper-Publikum zu spielen? Wie habt ihr es wahrgenommen?

Yassin: Das hat viel Spaß gemacht. Ein bisschen hatten wir darauf gehofft und eigentlich hat es sich auch bewahrheitet, dass die Casper-Fans sehr offen sind. Die haben uns sehr herzlich willkommen geheißen und haben sich dazu überreden lassen, während unseres Sets ein bisschen mitzumachen. War echt cool. Ich hatte auch den Eindruck, dass ein paar Leute uns schon kannten und die, die uns nicht kannten, haben trotzdem gepogt. Also insofern war das sehr erfolgreich und für uns auf jeden Fall ein großer Spaß.

Hertz 87.9: Wie kam es denn generell dazu, dass ihr Teil des Zurück Zuhause Festivals geworden seid? War das für euch direkt klar, dass ihr das macht?

Audio88: Wir machen für Geld eigentlich alles! (lacht). Nein, Quatsch! Es kam die Anfrage und wir haben uns gefreut und zugesagt. Wir hatten da Lust drauf.

Hertz 87.9: Jetzt ist heute ja der letzte Termin 2016 gewesen. Wenn ihr zurückblickt auf eure Tour, neue Platte… wie zufrieden seid ihr mit dem Jahr?

DJ Breaque: Mega zufrieden! Das war das schönste Bandjahr, zumindest weil wir super viel live gespielt haben, unsere größte Tour gespielt haben, ein tolles Team haben, die Platte war super erfolgreich. Also, es war ein sehr gutes Jahr.

Hertz 87.9: Wenn wir generell beim Stichpunkt „zurückblicken“ sind: Nach „Nochmal zwei Herrengedeck, bitte“, finde ich, kam so ein bisschen der Bruch und irgendwie ja auch der Durchbruch vom Erfolg her. Ihr hattet dann eine Plattenfirma im Rücken, aufwendig gemachte Videoclips usw. Wie kam es dazu, dass ihr da in die Hip-Hop-Szene nochmal richtig eingestiegen seid?

Yassin: Wir sind ja nie so richtig ausgestiegen. Wir haben ja zwischen „Nochmal zwei Herrengedeck, bitte“ und „Normaler Samt“ trotzdem auch noch Musik gemacht und ein paar kleine Releases gehabt. Es war eher so, als wäre der Knoten geplatzt. Also so Sachen wie die Videos die du angesprochen hast, das war nicht, dass wir gesagt haben „oh Mist, jetzt müssen wir aufwendigere Videos machen, wir wissen gar nicht, was wir da tun sollen“, es war eher so ein „cool, wir haben Möglichkeiten, auf einmal das zu machen, was uns im Kopf so schwebt“. Das war eher so ein „Eins kam zum Anderen“-Ding. Es war jetzt nicht von wegen „wir erobern jetzt das Game zurück“ oder so, sondern eher „komm, wir machen es mal anders als vorher und gucken, wie es läuft“. Und das war letztendlich eine gute Erfahrung. Jetzt machen wir es wieder selbst, was auch cool ist und kriegen immer mehr Möglichkeiten Dinge zu tun, die wir machen wollen. Das ist sehr erfreulich.

Audio88: Wir hatten halt auch zwischen „Nochmal zwei Herrengedeck, bitte“ und „Normaler Samt“ vier oder fünf Jahre Zeit uns anzugucken, was die anderen alle falsch machen und wir mussten eigentlich nur noch korrigieren. Das war eigentlich ziemlich einfach.

Hertz 87.9: Auch inhaltlich hat sich ein bisschen was verändert. Mittlerweile sind eure Texte mehr Hip Hop intern im Vergleich zu den früheren, die ja eher eine Unzufriedenheit mit der Welt generell thematisiert haben. Wie kam es zu dem Wandel? Musstet ihr erst in die Szene reinwachsen um von ihr angewidert zu sein?

Audio88: Nö, also das war ja auch nur das „Normaler Samt“-Album. Das war halt für uns ein Konzeptalbum und allein dadurch, dass Samt im Titel vorkommt durfte inhaltlich nicht so viel passieren, ansonsten hätte es nicht mehr gepasst.

Hertz 87.9: Noch ein bisschen zu den Inhalten: Wenn man sich die Entwicklungen, gerade in Deutschland, anguckt, ist das ja nicht unbedingt etwas Positives, trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Grundstimmung auf euren Alben etwas positiver oder zumindest der krasse Weltekel weg ist. Täuscht das oder habt ihr positive Seiten finden können?

Audio88: Also empfinde ich jetzt bei „Halleluja“ nicht so. Da sind ja auch Nummern wie „Schellen“ und „Weshalb ich Menschen nicht mag“ drauf, die das sehr explizit ansprechen. Ich glaub, das wirkt vielleicht eher so, weil die Soundästhetik von „Nochmal zwei Herrengedeck, bitte“ insgesamt einfach was Düsterer und Rumpliger war und jetzt binden wir um den ganzen Hass ’ne wundeschöne Schleife drum, um es den Leuten vor die Füße kotzen zu können.

Hertz 87.9: „Weshalb ich Menschen nicht mag“ und „Schellen“ sind zwei explizit politische Songs. Was war da der Impuls, sich so klar politisch zu positionieren?

Yassin: Der Impuls war die Entwicklung, die unweigerlich jeder wahrnehmen muss, ob er sie denn gut findet oder nicht. Und in unserem Fall war es einfach so, dass wir das Bedürfnis hatten, tatsächlich da etwas drüber zu schreiben. Ich glaube, deswegen war „Schellen“ auch einer unserer erfolgreichsten Songs, weil es eben auch bei uns so ein „wir können nicht anders“-Ding war und wir das auch richtig machen wollten und uns auch Gedanken gemacht haben, wie man das am besten formuliert, auf welcher musikalischen Untermalung man sowas macht, damit es wirklich das ausdrückt, was wir vermitteln wollen.

Hertz 87.9: Was würdet ihr denn sagen, was kann man mit Menschen machen „die Dummes tun, Dummes denken“ außer Schellen verteilen? Was sind da die Mittel, um Menschen wieder in die richtige Bahn zu bringen?

Audio88: Ich glaube, wenn wir da so die super Spitzenideen hätten, wären wir nicht Musiker geworden, sondern wären in die Politik gegangen. Aber eine Schelle hilft ja nicht nur, um Menschen auf den richtigen Weg zu bringen, sondern einfach auch ein Stück weit aus dem Weg zu räumen, das ist ja auch nicht der schlechteste Ansatz.

Hertz 87.9: Hattet ihr diese Entwicklungen, diesen Rechtsruck so erwartet? Hat euch das überrascht oder ist das einfach eine logische Folge?

Yassin: Ich finde nicht mal, dass das unbedingt so ein Rechtsruck ist, sondern eine Enttabuisierung letztendlich nur. Also jetzt sprechen halt viele Menschen das aus, was sie seit Anbeginn ihrer Sozialisation denken. Deswegen ist „Rechtsruck“ fast ein bisschen verniedlichend, weil das ist halt einfach eine Grundeinstellung, die tief in der Deutschen Gesellschaft verankert zu sein scheint und auch in der Europäischen Gesellschaft. Das ist nationalistisches, patriotisches und auch rassistisches Denken. Die Überraschung ist vielleicht das Tempo, in dem das fortschreitet, aber nichts davon war faktisch irgendwie eine richtige Überraschung. Es war eher „ach, jetzt darf man das noch sagen und jetzt darf man das auch noch sagen, vorher war es halt verboten und jetzt nicht mehr“.

Audio88: Es hat ja auch nicht lang gedauert, bis bei Pegida oder irgendwelchen Montagsdemos direkt Massen hingestürmt sind. Die fingen ja nicht mit 20 Leuten an und sind jetzt vor ausverkauftem Haus, sondern das war direkt eine sehr erfolgreiche Sache.

Hertz 87.9: Stichwort Pegida: Ihr habt ja auch in Dresden vor nicht allzu langer Zeit gespielt. Da haben wir uns gefragt, ob ihr auch direkt schon mal Kontakt zur rechten Szene gehabt habt, als Leute die sich klar positionieren.

Yassin: Nee, das glücklicherweise nicht. Entweder sind wir zu klein, als dass Leute denken, sie müssten da irgendwas geraderücken aus ihrer Sicht oder die Ansage ist so deutlich, dass da vielleicht kein Spielraum mehr ist. Aber den Kontakt mit sich äußerndem rechten Publikum hatten wir glücklicherweise noch nicht.

Hertz 87.9: Was würdet ihr denn sagen, welche Rolle kann Musik spielen um politisch etwas zu bewegen?

Yassin: Eine sehr große. Gerade in der jüngeren Geschichte der Popmusik und durch die Verbreitung von Abspielgeräten. Zum Beispiel die Hippiebewegung oder die 68er Bewegung hat dazu geführt, dass die USA den Vietnamkrieg früher abgebrochen haben, als sie es eigentlich hätten tun wollen. Weil eben das eine Möglichkeit war, auch vor allem über Musik, dass Menschen sich beim kleinsten gemeinsamen Nenner treffen und ihre Meinung artikulieren konnten, auch in Massen halt. So gesehen glaube ich schon, dass Musik eine bestimmte Macht hat. Natürlich ist es aber so, dass jede Subkultur immer schneller auch kapitalisiert wird, deswegen ist der Hebel leider recht lang von Menschen die vielleicht nicht so ein großes Interesse daran haben, dass Musik zu sehr polarisiert, zumindest erfolgreiche Musik. Umso erfreulicher ist es dann, dass Bands wie zum Beispiel KIZ oder Die Ärzte es immer wieder schaffen, trotzdem echt große Massen für solche Inhalte begeistern zu können. Und wenn KIZ eine ganze Tour spielen können, wo zu jedem Konzert zwischen 6000 und 12000 Leute kommen, dann ist das über zwei Jahre doch auch ein Statement was die Deutsche Jugend angeht und auch ein erfreuliches Statement und wir wünschen uns natürlich, dass sowas in Zukunft auch wächst.

Hertz 87.9: Ihr habt es gerade schon angesprochen, dass es das Problem gibt, dass „systemkritische Musik“ oder Subkulturen kapitalisiert werden. Wie geht ihr damit um?

Audio88: Egal ist uns das nicht. Wir haben ja ein Stück weit dem vorgebeugt, indem wir jetzt zum Beispiel die Platte auf unserem eigenen Label rausgebracht haben und nicht eine Unterschrift bei irgendeinem Konzern gemacht haben, was per se, wenn die Botschaft die richtige ist auch nicht unbedingt das Verkehrteste sein muss. Wir haben früher schon alles selber gemacht, wir haben es jetzt bei einem Album nicht gemacht. Wir bauen unser Bühnenbild selbst, wir machen die Konzepte für die Videos teilweise selber. Also, da sitzt halt keiner aus irgendeinem Büro und überlegt sich, was jetzt irgendwie gut wäre, um Audio88 und Yassin erfolgreicher zu machen, sondern wir machen einfach das, was wir wollen.

Hertz 87.9: Das Tourjahr ist beendet, das Jahr 2016 neigt sich dem Ende. Wie sind jetzt eure Pläne für die Zukunft, für 2017? Was habt ihr euch vorgenommen?

Audio88: Wir gehen im März und im April nochmal auf Tour, weil es so schön war und die Konzerte fast alle ausverkauft waren und viele Menschen nicht mehr reinkamen, aber wir sie trotzdem erlösen möchten, deswegen gehen wir Mitte März nochmal auf Tour. Das ist der erste Plan.

Yassin: Dann spielen wir auf ein paar Festivals und dann wollen wir vor allem Musik machen, von der man dann hoffentlich was hören wird, drückt uns die Daumen!

Hertz 87.9 (Zu Audio88): Was ich mich gefragt habe: Bei „Fusionbändchen“ gibt es ja die Zeile „Nimm mit 30 ein Album übers Erwachsenwerden und unverstanden sein auf (…) und nimm die selbst dabei ernst“. Ich hab dabei immer gedacht, das würde sich an Casper oder Prinz Pi richten…

Audio88: Den würde ich niemals fronten in ’nem Text! (lacht)

Hertz 87.9: Klar, ist ja auch noch nie vorgekommen… Jetzt sitzen wir hier beim Zurück Zuhause Festival. Hat sich da was geändert oder hab ich was falsch interpretiert?

Audio88: Das hast du falsch interpretiert, also an Casper ging das tatsächlich nie.

Yassin: Casper ist ja, glaube ich, selber auch nicht erwachsen. Wir kennen ihn jetzt auch nicht so gut, aber von den Begegnungen, die wir mit ihm hatten, hab ich nicht das Gefühl.

Audio88: Ich glaub auch nicht, dass er sich ernst nimmt.