“Zurück in die analoge Steinzeit”

"Es ist der Rückschritt in die analoge Steinzeit", beschreibt Claudia Riemer, Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Bielefeld, was uns zum 01. Januar 2017 erwartet. Wissenschaftliche Texte, aus verschiedenen Büchern oder Zeitschriften einfach online im Lernraum abrufen wird dann der Vergangenheit angehören.

Im Interview mit Andreas Hermwille beschreibt sie, wieso es dazu kommen wird.

Hintergrund

"Neuer Rahmenvertrag für die Verwendung von Schriftwerken für Lehre und Forschung an Hochschulen", das ist der Name der Umwälzung, die die Hochschulen in Deutschland am 01. Januar 2017 treffen wird.

Mit dem Vertrag wird eine bisher übliche Praxis hinfällig: Die Bundesländer bezahlten pauschal, stellvertretend für ihre Universitäten, für die digitale Bereitstellung von Texten. Die Bezahlung ging an die VG Wort, die das Geld auf den Pool der bei ihr vertretenen AutorInnen umlegt, ganz ähnlich wie die GEMA Ausschüttungen an Musiker vornimmt.
Der neue Vertrag sieht vor, dass die Pauschalzahlungen von Einzelabrechnungen abgelöst wird. Jeder Text, der in einem Seminar gelesen wird, und unter den Paragraphen 52a des Urheberrechts fällt, muss einzeln der VG Wort gemeldet werden. Auch die Zahl der Seiten, die kopiert wurden, ist nach dem neuen Vertrag relevant, genau wie die Zahl der Seminarteilnehmer: Pro Seite Text und pro Teilnehmer berechnet die VG Wort 0,8 ct.

Diese Veränderung, von Pauschal- hin zu Einzelabrechnungen hat einen längeren Weg hinter sich: Die VG Wort ist für ihr Recht auf so einen Vertrag bis vor den Bundesgerichtshof gezogen - und hat dort 2013 schließlich auch recht bekommen. Der Bundesgerichtshof entschied in einem weiteren Urteil dass es für "die Nutzenden", also die Diejenigen, die die Texte hochladen, (meistens also die Lehrenden oder ihre SHKs) zumutbar ist, wenn sie die Texte jeweils einzeln in einer von der VG Wort bereitgestellten Eingabemaske Lizenz, Autor und Seitenzahl, etc. angeben.

Wie sich die Einzelabrechnungen und die Nutzung der Technik im Alltag schlagen, wurde im Wintersemester 2014/2015 in einem Pilotversuch an der Universität Osnabrück getestet. Das Ergebnis war, dass die Nutzung digitaler Lehrmaterialien stark zurück ging und die Studierenden immer öfter auf die analogen Semesterapparate verwiesen wurden. Als Ursachen identifizierte das Pilotprojekt vor allem den Aufwand, den die Lehrenden pro hochgeladetem Text leisten mussten - durchschnittlich brauchen die 4 Minuten pro Text, um die Eingabemaske auszufüllen.

Die Hochschulen können jeweils für sich entscheiden, ob sie den Vertrag unterzeichnen wollen. Die Landeshochschulkonferenz Niedersachsen hat bereits für die niedersächsischen Hochschulen angekündigt, dass man von einer Unterzeichnung absehen und neu verhandeln will.

Text: Andreas Hermwille