Reaktionen auf die Tumulte bei KulTürk Vortrag.

Dienstagabend, 18.15 Uhr, Hörsaal 2 der Uni Bielefeld. Hier soll gleich ein Vortrag über die Flüchtlingskrise in der Türkei stattfinden. Durch die Hintertür kommt eine Gruppe Demonstrierender in den Hörsaal. Sie haben ein Banner mit und wollen Kritik am Referenten äußern. Dazu bekommen sie keine Gelegenheit, sie werden zum Gehen aufgefordert, zurückgedrängt, das Banner zerrissen, es kommt zu einer Schlägerei zwischen beiden Gruppen. Der Sicherheitsdienst der Uni greift ein, kurz danach ist der Tumult vorbei. Eine der Demonstrierenden muss später wegen einer Kopfverletzung ins Krankenhaus.
Es geht um einen Vortrag, zu dem die umstrittene Hochschulgruppe KulTürk eingeladen hat. Dem Referenten wird Antisemitismus vorgeworfen. Unter anderem von der Anti-Rassismus AG:

„Ja, Ziel war natürlich, den Vortrag irgendwie aufzulösen – weil eine Uni, die sich Uni ohne Vorurteile nennt, kann nicht dulden, dass ein Referent hier ein Thema vorstellt, wo das so gar nicht zueinander passt.“

Nach der versuchten Demonstration haben die Veranstaltenden kurz überlegt, den Vortrag doch abzubrechen. Dazu kam es dann aber nicht. Özcan referierte über die Flüchtlingskrise in der Türkei und berichtete aus seiner Perspektive über die Lage im Flüchtlingslager in Gaziantep.
KulTürk wollte sich nicht in einem Interview äußern, sondern ließ uns ein schriftliches Statement zukommen. Darin betont die Gruppe ihr Einstehen für Meinungsvielfalt und einem kritischen Dialog.

„Zusammengefasst können wir nicht genug betonen, wie traurig wir über die Vorfälle
sind und alle erdenklichen Maßnahmen ergreifen wollen, diesen vorzubeugen und jeder Art von infantiler Provokation mit Reife, Größe und Geduld zu begegnen. Wir wollen mit Nachdruck unterstreichen, dass wir weder Faschisten, noch Islamisten oder Antisemiten sind und bekennen uns zur demokratisch-freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.“

Nach dem Vortrag entschuldigten die Veranstaltenden sich bei den Zuhörenden für die Unruhe und kündigten juristische Konsequenzen an.
Aber auch die Demonstrierenden fordern Konsequenzen. Ludwig Danwitz erwartet eine Positionierung der Universität:

„Also das mindeste, was die Uni tun könnte, ist ein Verbot der KulTürk. Und das ist auch keine Forderung, die irgendwie aus der Luft gegriffen ist, sondern das ist zb an der Uni Paderborn schon geschehen. Und zwar zu Recht.“

Die Uni wollte sich vor dem Mikrofon dazu nicht äußern. Sie ließ der Redaktion lediglich ein schriftliches Statement zukommen. Darin zitiert sie aus einem Appell an das friedliche Miteinander aus dem letzten Jahr.

„Die Grenzen von Meinungsfreiheit bestehen in der Achtung von Persönlichkeitsrechten und Strafgesetzen. Die Universitätsleitung hat darüber hinaus formale Regeln erlassen, in deren Rahmen Meinungsfreiheit gesichert wird. Dies gilt insbesondere für Plakate in der Universitätshalle oder die Nutzung von Räumlichkeiten. Wenn freie Meinungsäußerung in diesem Rahmen gestattet ist, bedeutet dies umgekehrt auch, dass sie in diesem Rahmen zu akzeptieren oder zumindest zu tolerieren ist.
Das Rektorat werde prüfen, ob Konsequenzen zu ziehen sind.“

Dazu wird es bald auch offiziell aufgefordert – das Studierendenparlament hat am Donnerstagabend einstimmig die Forderung an das Rektorat beschlossen, KulTürk den Hochschulgruppenstatus zu entziehen.
KulTürk selbst war bei der Abstimmung nicht anwesend, sondern hatte sich im Voraus als komplette Liste von der Sitzung abgemeldet.